Björn Siebert
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I

REMAKES

Die großen Bilderforen wie Flickr, Webshots oder Photobucket überschwemmen das Internet mit Amateurbildern von Privatpartys, persönlichen Urlaubseindrücken, Wochenendausflügen zu Sportereignissen und Handyschnappschüssen von Freunden im privaten Umfeld. Allein auf Webshots.com befinden sich zur Zeit 662 Millionen Bilder. Die Fotografen sind oft junge Menschen, die überwiegende Mehrheit im Alter zwischen 15-25 Jahre. Alles scheint ihnen abbildungswürdig, denn das Handy und die Digitalkamera sind schnell zur Hand. Die meisten Bilder werden der Öffentlichkeit im World Wide Web durch kostenlose Bildarchive zugänglich gemacht. Indem sie einen Blick in ihr persönliches Fotoalbum erlauben, entwickeln die Fotoamateure aber nicht nur ein Bild ihrer individuellen Persönlichkeit, sondern auch einer kollektiven fotografischen Erfassung von Wirklichkeit, deren Motive ich in meinen Remakes dieser Internetbilder genauer untersuche. Dies geschieht durch den Akt der Reinszenierung, den ich bis ins Detail hinein vollziehe. Das bedeutet im speziellen: Die Orte des Fotoshooting werden nach den Gegebenheiten des Originals hin ausgesucht, Kleindarsteller wenn nötig nach dem Aussehen her gecastet, Kleidung abgesprochen, Räume nachgebaut, Tapeten angefertigt, Positionen wie im Original eingenommen, Bildausschnitte festgelegt. Das Kreieren eines Remakes ist in meiner Arbeit ein integrativer Prozess. Ist das Remake gelungen, erlebt es eine Re-Genese außerhalb des Internets und wird in den Werkkatalog meiner künstlerischen Arbeit aufgenommen. Dabei kann und muss nicht jedes Detail ganz genau dem Original entsprechen, aber es wird dem Bild im Remake nichts Wesentliches hinzugefügt, genauso wenig, wie etwas ausgespart wird. Das einzige »Mehr an Informationen« bleibt beim Abgebildeten, die neue Größe und die perfekte Oberfläche des Bildes.

Meine streng inszenierten Fotos tragen im Subtitel den Begriff »Remake« und verweisen mit diesem speziellen Begriff aus der Filmsprache auf die zentrale Bedeutung der Wiederholung für meine Arbeit. Der Akt der Reinszenierung, den ich bis ins Detail hinein vollziehe, wiederholt die erste, originale Inszenierung und befragt ihre Mechanismen. Indem ich versuche, das »Wesentliche« der streng ausgewählten Schnappschüsse in meine Fotografien zu übersetzen, spüre ich einerseits dem Geheimnis und der Zeichenhaftigkeit der Amateurbilder nach, andererseits verleihe ich den Verdopplungen durch den Verlust des Originals und des Entstehungskontextes ein Eigenleben. Durch die Übersetzung von Motiven aus der Populärkultur und der Alltagserfahrung in perfekte Fotografien und ihre Präsentationen im Kunstkontext möchte ich auch Fragen nach dem Verhältnis von Differenz und Wiederholung, Amateurfotografie vs. inszenierter Fotografie, über Autorschaft und Originalität aufwerfen.

     
   
 

2

UNTITLED GALLERY SCULPTURE (REMAKES)

Im letzten Jahr habe ich einen Dresdener Theaterplastiker beauftragt, eine Skulptur als Remake anzufertigen. Das Original ist in dem Horrorfilm »L‘uccello dalle piume di cristallo« (1970) von Dario Argento zu sehen. In einer Kunstgalerie wird ein junger Ausländer Zeuge eines Mordversuches, doch irgendetwas ist merkwürdig an der Szene. Des Rätsels Lösung liegt in der richtigen Interpretation der vorhandenen Hinweise. Die Kunst in der Galerie, Kopfgeburten der Requisite und des Setdesigns, soll das perfekte Interieur für die Szene, für das Milieu, für die Stimmung und für den Kunstgeschmack der damaligen Zeit sein. Die ursprüngliche Requisite beinhaltet zudem den Versuch, eine avantgardistische, informelle Bildhauerei in ein populäres Unterhaltungsmedium, dem des Kriminalfilms, zu überführen. Die amorphe Formsprache der Skulptur suggeriert eine bedrohliche Körperlichkeit, die im Kriminalfilm selbstverständlich erscheint, aber als dreidimensionales Objekt live im White Cube einen anderen Schein erweckt. Die Figur mit ihrer symbolträchtigen Form und der schweren Haptik wirkt auf einmal aus ihrer Zeit gefallen. Ohne die kulturellen und filmhistorischen Verweise ist diese Kunst nun nicht mehr zu verstehen. Eine Transformation hat also stattgefunden. Bei dieser Art der Wiederbelebung handelt es sich demnach um den Vorgang einer Zurückaneignung einer Skulptur, die vorgab moderne Kunst zu sein, ohne es jemals real zu müssen, hinein in den modernen Kunstkontext 40 Jahre später. Ein diffiziles Unterfangen. Das Authentische, wenn es überhaupt jemals existiert hat, funktioniert anscheinend nur in einem geschlossenen System, in einer Traumwelt, die Suggestion und Überlebensgröße proklamiert und sich trotzdem den Schein des Authentischen auf die Fahnen geschrieben hat. Diese Überlegungen haben mich veranlasst, mit meiner ersten dreidimensionalen Arbeit herauszufinden, wie sich diese Filmkunstrequisite aus dem Jahre 1970 anno 2010 in einem Galerie-Raum verhält.

   
   
   

3

PSYCHO (REMAKES)

Susanna im Bade, alternativ auch Susanna und die Alten, ist die biblische Erzählung von der Rettung der Susanna durch den Propheten Daniel. Abgesehen von ihrer religiösen Bedeutung gilt die Geschichte in der Entwicklung der Rechtsprechung als wegweisend, weil sie den auch heute noch wichtigen Grundsatz der unabhängigen Zeugenbefragung betont.

Nach dem Buch Daniel 13,1-64 lebte in Babylon ein reicher Mann, der mit einer schönen und frommen Frau namens Susanna verheiratet war. In seinem Haus verkehrten auch zwei hochangesehene alte Richter, die sich dabei in Susanna verliebten. Sie lauerten der Frau heimlich im Garten auf, als diese ein Bad nehmen wollte. Sie bedrängten sie und wollten sie zwingen, mit ihnen zu schlafen. Sie meinten, sie würden sie ansonsten beschuldigen, Ehebruch mit einem jungen Mann begangen zu haben. Doch Susanna blieb standhaft, weigerte sich und schrie. Die beiden Alten riefen ebenfalls lautstark und ließen Susanna verhaften und erklärten, sie beim Ehebruch überrascht zu haben. Daraufhin hielten sie öffentlich über die Frau Gericht und verurteilten sie zum Tode. Als das Urteil vollstreckt werden sollte, hatte Daniel eine göttliche Eingebung und stellte ein Verhör der beiden Zeugen an. Er fragte sie unabhängig voneinander, unter welchem Baum wohl Susanna ihren Mann betrogen hätte. Während der eine meinte, sie hätten es unter einer Zeder getan, sagte der andere, eine Eiche sei der Tatort gewesen. Da erkannten auch die jüdischen Autoritäten und das zuhörende Volk die beiden Lügner, und Susanna kam frei.

Norman Bates (Antony Perkins), der bekannte Psychopath aus Hitchcocks »Psycho«, ist wohl der berühmteste Voyeur der Filmgeschichte. Bevor er in der Duschszene sein Opfer umbringt, hat er es beim Umziehen durch ein Loch in der Wand beobachtet. Das Guckloch ist verdeckt von einem Gemälde: »Susanna im Bade«. Das Bild kommentiert also schon die gerade laufenden und noch kommenden Szenen aus »Psycho«. Während jedoch Susanne durch eine göttliche Eingebung Daniels dem Tode entgeht, wird dem Opfer aus »Psycho« keine Gnade gewährt. In den Fortsetzungen von »Psycho«, vor allem in dem Film »Psycho III«, wird diese Situation wieder aufgegriffen, wieder sehen wir eine, diesmal malerisch neu interpretierte Susanna-im-Bade-Darstellung.

In den Arbeiten »Psycho III«, »Psycho« und »Psycho 98«, von denen ich hier erstmal »Psycho III« vorstelle, habe ich diese (Requisiten)-Gemälde detailgetreu rekonstruiert. In kleinen fragmentierten Abzügen untersuche ich einerseits den malerischen und kompositorischen Duktus, andererseits auch den filmischen Ablauf der Szene.